[Arbeitspapier] Bevölkerungsentwicklung in der Schweiz: Kritische Beurteilung aus grüner Sicht Drucken E-Mail
Donnerstag, 29. Oktober 2009 um 12:22 Uhr

Bevölkerungsentwicklung in der Schweiz: Kritische Beurteilung aus grüner* Sicht

 *Dieses Papier entspricht der Interpretation grüner Werte im Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung aus Sicht der grünen Nationalräte Yvonne Gilli und Bastien Girod.

 

Ausgangslage

 Das Bevölkerungswachstum in der Schweiz nimmt rasch zu. 2008 betrug das Wachstum +1.4%[1].

 

 

Würde die Schweiz in Zukunft mit demselben Tempo wachsen, so würde sich die Bevölkerung theoretisch innert 50 Jahren verdoppeln. Das Bevölkerungswachstum gründet vor allem auf einem positiven Migrationssaldo (Zuwanderung minus Auswanderung). Grund für die Migration ist die hohe Attraktivität der Schweiz gekoppelt mit der Personenfreizügigkeit. Für wohlhabende Menschen ist die Schweiz attraktiv, weil sie in unserem Land weniger Steuern zahlen müssen oder sie von anderen Vergünstigungen profitieren können (z.B. Sonderbauzonen für Reiche).  Ähnliches gilt ebenfalls für finanzkräftige Unternehmen. Allgemein ist die Schweiz aufgrund der hohen Lebensqualität attraktiv. Auch für Wirtschafts- und politische Flüchtlinge. Doch aufgrund der strikten Asylpolitik machen die Personen, denen effektiv Asyl gewährt wird, lediglich 2 Prozent[2] des Bevölkerungswachstums aus.

Das Bevölkerungswachstum wird sich in Zukunft aufgrund einer positiven Rückkopplung kaum von alleine reduzieren. Die positive Rückkopplung besteht einerseits darin, dass die Schweiz vor allem wohlhabende Personen anzieht. Diese zahlen mehr Steuern, was zu Steuersenkungen führen kann, was wiederum neue Unternehmen anzieht, die weitere Arbeitsplätze und damit wiederum eine weitere Zuwanderung von Arbeitnehmenden mit sich bringen. Eine solche Rückkopplung konnte und kann beispielsweise in Monaco beobachtet werden. Anderseits, besteht gemäss Reiner Eichenberger eine Rückkoppelung über den Kapitalzufluss, der bei jeder Einwanderung stattfindet: Einwanderung macht den Faktor Kapital knapper, weshalb über die internationalen und offenen Finanzmärkte zusätzliches Kapital zufliesst. Dadurch wird Arbeit wiederum knapper, was wieder Einwanderung hervorruft, etc. Diese Art der Rückkoppelung besteht sowohl bei hochqualifizierter wie niedrigqualifizierter Zuwanderung.

Auch wenn der Geburtenüberschuss wie im Jahr 2008 positiv war und etwa 15'500 Personen (76’700 Geburten abzüglich 61'200 Todesfälle) betrug, so nimmt in der Schweiz die Bevölkerung ohne den Migrationszuwachs tendenziell ab.

 

Problematik

Inhaltlich: Die Personenfreizügigkeit und die Attraktivität der Schweiz, die den positiven Wanderungssaldo verursachen, sind zugleich teilweise wichtige Werte, da die Attraktivität auch zum Wohlbefinden der Wohnbevölkerung und die Personenfreizügigkeit zur individuellen Freiheit beitragen. Gleichzeitig bedroht das schnelle Bevölkerungswachstum aber auch die Lebensqualität: Der Wohnungsmangel wird verschärft (bzw. die Mieten und Landpreise steigen), sozial schwache „Einheimische“ (bereits ansässige AusländerInnen mit eingeschlossen) werden in immer schlechtere Wohnlagen verdrängt, Verkehrsengpässe auf Strasse, Schiene und in der Luft verschärfen sich und die Luft- und Lärmbelastung steigen weiter an. Zudem werden Erholungsräume noch stärker zerschnitten und zerstört (Zugang zu Seen, Flüssen und intakter Landschaft, Zerstörung bzw. Überbelastung von Naherholungsgebieten in Siedlungsnähe etc.), der Druck der Erholungsnutzung auf noch unberührte oder wenig belastete Naturräume, Biotope, Grundwasserschutz- und Landschaftsschutzzonen, Fruchtfolgeflächen usw. nimmt zu – kurz: Das Schweizer Mittelland droht zu einem mehr oder weniger geschlossenen Siedlungsbrei zu werden. Ein weiteres Problemfeld besteht darin, dass auch die Verdichtung ihre Grenzen hat: Je dichter besiedelt, desto kleiner werden die Freiräume. Gleichzeitig ist die Finanzierung der Sozialwerke sowie die heutige Wirtschaft abhängig von einer wachsenden Erwerbsbevölkerung.

Politisch: Das Thema Migration und das damit verbundene Bevölkerungswachstum wird stark ideologisch betrachtet. Das Thema kann darum kaum differenziert aufgegriffen werden, weil jeder, der sich kritisch zum positiven Wanderungssaldo und zum Bevölkerungswachstum äussert, Gefahr läuft, in die ausländerfeindliche Ecke gestellt zu werden – auch wenn es gar nicht um eine Frage der Nationalität geht.

Ziel: Aus grüner Sicht muss eine Diskussion darüber geführt werden, wie genügend Erholungsräume gewährleistet werden können und zugleich bezahlbarer Wohnraum für die Wohnbevölkerung gesichert werden kann. Gleichzeitig sind die Freiheiten (Personenfreizügigkeit) und die Attraktivität für die Wohnbevölkerung der Schweiz zu erhalten. Dazu sind differenzierte Massnahmen notwendig, die nicht zu einer Diskriminierung der ausländischen Wohnbevölkerung führen. Dieses Papier legt keine definitiven Massnahmen vor. Vielmehr geht es darum, mit Vorschlägen solche Massnahmen anzudenken und Stossrichtungen aufzuzeigen.

Massnahmen

Raumplanung – Erholungsräume schützen: Der Raumplanung kommt eine zentrale Rolle zu. Nicht nur muss verhindert werden, dass durch das Bevölkerungswachstum die Zersiedlung und Zerstörung von Erholungsräumen zunimmt, es muss auch ein Ausbau von Erholungsräumen (neue Grünräume, Zugang zu Seen und Flüssen etc.) ermöglicht werden, damit die Bedürfnisse der wachsenden Bevölkerung erfüllt werden können. Um die Landschaft zu schützen, ist zudem die Landwirtschaftsfläche freizuhalten und in Tourismusregionen der Zweitwohnungsbau einzuschränken.


Um zu verhindern, dass die strikte Raumplanung zu sozial nicht erwünschten Nebenwirkungen führt müssen zudem folgende Massnahmen ergriffen werden:

  • Wohnungspolitik – Selbstbestimmtes Wohnen fördern: Mit dem Bevölkerungswachstum steigt der Druck auf den Boden, und damit steigen die Bodenpreise und Mieten. Um zu verhindern, dass die lokale Bevölkerung und das Gewerbe verdrängt wird[3], muss das Wohneigentum im weiteren Sinne gefördert werden. Der Boden soll Wohngenossenschaften und gemeinnützigen Stiftungen zur Verfügung gestellt werden, und es sind Eigentumswohnungen zu fördern, um ein Explodieren der Wohnkosten durch Spekulation zu verhindern. Zudem sind Anreize für einen massvollen Wohnflächenverbrauch pro Kopf zu schaffen.
  • Wirtschaftspolitik – Selektivere Förderung: Es ist nicht sinnvoll, um jeden Preis alle möglichen Unternehmen in die Schweiz zu locken. Denn darin liegt der Haupttreiber für das positive Wachstumssaldo. Vielmehr sollen gezielt lokale Unternehmen gestärkt und dabei solche gefördert werden, die einen Beitrag zu einer Nachhaltigen Entwicklung leisten.
  • Arbeitsplätze – Lohndumping verhindern, Anschluss ermöglichen: Wenn sich weniger neue Unternehmen ansiedeln, entstehen weniger neue Arbeitsplätze. Damit dadurch die Arbeitslosigkeit nicht steigt, ist die Vergabe der Arbeitsplätze an die  Wohnbevölkerung zu fördern. Einerseits indem Lohndumping verhindert wird, das nur funktioniert, weil aufgrund der Personenfreizügigkeit Personen aus anderen Ländern bereit sind, die gleiche Arbeit für noch weniger Lohn zu machen. Andererseits sind Weiterbildungen zu fördern, damit die bereits ansässige Wohnbevölkerung den Anschluss an die sich rasch ändernden Anforderungen nicht verliert.

Steuerpolitik – Attraktiv und gerecht für die Wohnbevölkerung: Die heutige Steuerpolitik zielt stark darauf ab, zahlungskräftige Steuerzahler anzulocken. Sie nehmen einerseits viel Wohnraum in Anspruch, und zum anderen heizen die Anreize das migrationsbedingte Bevölkerungswachstum weiter an. Die Steuerpolitik ist deshalb nicht auf das Anlocken von Zuzügern, sondern auf die Bedürfnisse und das Gerechtigkeitsempfinden der bereits ansässigen Wohnbevölkerung abzustimmen. Das heisst konkret: materielle Steuerharmonisierung zwischen den Kantonen, Abschaffung der Pauschalsteuer, keine gezielte Unterbietung der Steuern gegenüber umliegenden Ländern, Abschaffung von Holding-Privilegien, keine Sonderbauzonen für Reiche usw.

Aussenpolitik – Ausgleich stärken: Um den Migrationsdruck langfristig zu senken, ist auch das europäische sowie globale Wohlstandsgefälle zu reduzieren.

  • EU-Finanzausgleich: Innereuropäisch finden in Bezug auf die Migration absurde Entwicklungen statt. Während es in den Schweizer Städten immer enger wird[4], gibt es beispielsweise in Deutschland so genannte „schrumpfende Städte“.  Die Schweiz sollte sich deshalb für einen finanziellen Ausgleich innerhalb der EU einsetzen, der die Migrationsbewegungen etwas ausgleicht. Dies ist auch im Interesse der EU und mit der EU zu koordinieren.
  • Entwicklungszusammenarbeit: Um das internationale Wohlstandgefälle zu reduzieren, ist die Entwicklung in armen Ländern durch eine Aufstockung des Budgets für die Entwicklungszusammenarbeit auf 0.7% zu fördern. Die Entwicklungszusammenarbeit ist auszuweiten und zu verbessern, sowie der Handel gemäss Fair-Trade-Standards zu gestalten. Dabei ist der Fokus auf „good governance“ zu verstärken, damit Rahmenbedingungen für eine eigenständig Wohlfahrt ermöglicht werden.
  • Aussenpolitik – Bevölkerungswachstum lindern: Neben dem Wohlstandsgefälle ist das globale Bevölkerungswachstum ein Treiber der Migration. Das globale Bevölkerungswachstum verschärft sowohl die Umweltprobleme wie auch die Ressourcenknappheit. Durch die Förderung von Bildung sowie die Sicherstellung von Zugang zu Familienplanungsinformationen und -mitteln in Entwicklungsländern wird auch ein Beitrag zum Wohlstand des jeweiligen Landes geleistet. Die Gelder der Entwicklungszusammenarbeit müssen sowohl multi- als auch bilateral schwerpunktmässig in Familienplanung, reproduktive Gesundheit (=Reduktion der Mütter- und Kindersterblichkeit) und in die Bildung der Frauen investiert werden. Das Wissen dazu ist da, die Umsetzung wird bis jetzt aber vernachlässigt. 10% des Gesamtbudgets der bilateralen Zusammenarbeit sollen in diese Bereiche fliessen.

[1]  www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/news/publikationen.Document.123463.pdf
[2] 2008 ist die ständige Wohnbevölkerung um 108‘362 Personen gewachsen (BfS), gleichzeitig wurde 2'261 Personen Asyl gewährt (Asylstatistik 2008).
[3] Vergleiche dazu die aktuelle Entwicklung im Kanton Zug.
[4]  http://www.tagesanzeiger.ch/leben/wohnen/In-Zug-sind-Wohnungen-fuer-Normalverdiener-in-Sicht/story/29658760

 

 

 

Kommentare
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Anonym   |194.230.106.xxx |2009-11-09 10:30:42
Sie haben recht! Weiter so!
Stephanie Zaugg  - grüne Politik   |84.72.46.xxx |2009-11-11 15:21:48
Lieber Bastien Girod
Mit Ihrer Haltung und Einstellung sind Sie für mich ein
grüner Politiker! Grün heisst ja nicht per se links, auch wenn die meisten
linken Anliegen zu unterstützen sind. Jedoch gibt's eine Grenze wenn's um den
Schutz der Natur geht.
Als Mitglied der Grünen bin ich über die Reaktionen
einiger Exponenten empört. Lassen Sie sich von denen nicht unterkriegen!
Matthias Wehrli  - langsame Parteispitze   |83.77.129.xxx |2009-11-28 16:35:33
Lieber Herr Girod. Ich weiss, es klingt paradox: Ich teile zu 100% Ihre
Schlüsse aus der "Bevölkerungsentwicklungsananalyse", und gerade
deshalb kann nicht in Ihre Partei eintreten. (Einen solchen Eintritt habe ich
ernsthaft überlegt.) Die Hilflosigkeit und die aus ihr resultierende
Feindseligkeit, mit der die Parteiexponenten auf die Tatsache, dass "die
grüne Realität" plötzlich nicht mit den "grünen Parteiparolen"
übereinstimmt, reagiert haben, diktiert mir, mit einem Parteieintritt
zuzuwarten, bis die Partespitze Ihren Bericht verstanden hat.
HaRu WEBER  - Realität ist So und nicht Anders!   |83.79.191.xxx |2010-08-06 19:11:01
Es eilt eigentlich und je länger man mit Bremsen zugewartet, je schmerz-hafter
werden für Viele, besonders der Kleinen, die Bremsspuren sein. Aber alle
Massnahmen, die man treffen sollten, sind gegen die Doktrin der SP und der
Grünen-Mutterpartei!
Müller Hanspeter  - Podiumsgespräch   |83.76.126.xxx |2010-03-15 13:51:31
Guten Tag Herr Girod. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Auftreten. Was ich bemängle
ist, dass Sie sich z.B. gegen die SVP-Vertreter nicht genügend durchsetzen.
Wenn Sie Herr Heer beim Zürichtalk immer unterbricht, sollten Sie doch einmal
insistieren mit z.B. "Lassen sie mich doch bitte einmal ausreden, ich habe
ihnen ja auch zugehört".Nur weiter so!
Gré Stocker-Boon  - Beziehungen schaffen   |178.83.17.xxx |2010-04-20 11:17:18
Grüezi Herr Girod,
Bevölkerungsentwicklung ist nicht alleine Sache von
sogenannt intelligenter,zielgerichteter Gruppen-
planung,wo die sogenannt beste
Sorte
ihre bestmögliche,(eigene!)Sorte sucht,herauspickt und
"konsumiert".Siehe Facebook-Handhabung.Das
Freunschaft-Kameradschaft-Anbieten auch an andere als seinesgleichen ist
Vorraussetzung
für eine bessere Welt,Gesellschaft und Gesinnung.Es grüsst:
G.Stocker
Manu Gehriger  - Glück durch Harmonie   |80.219.217.xxx |2010-06-04 13:22:00
Ja, wir müsssen nicht das reichste Volk sein, es wäre erstrebenswerter, das
glücklichste aller Völker zu sein. Haben Sie sich schon mit der Initiative
Jugend + Musik beschäftigt? Ich werde am 17.6.10 in Bern an der Sitzung der
Parlamentarischen Gruppe Musik teilnehmen. Wäre das nicht ein Forum für Sie?
Ich kann Ihnen gerne eine offizielle Einladung zukommen lassen. Ich freue mich
auf ihren Anruf: 078 761 41 21 Beste Grüsse von Manu Gehriger
Denise Stettler  - Offener Dialog   |213.188.225.xxx |2010-06-17 14:17:37
Ich gratuliere Ihnen zu diesem Arbeitspapier. Man muss offen über alles
diskutieren können, ohne immer gleich in eine bestimmte politische Ecke
gestellt zu werden. Ich hoffe, das auch Ihre Parteispitze vielleicht einmal zu
dieser Einsicht gelangt. Die extreme Bevölkerungszunahme ist ein wichtiges
Thema und darf nicht immer unter den Teppich gekehrt werden. Dies sollte auch
endlich vermehrt von linken Politikern aufgenommen werden. Dies hat nichts micht
Ausländerfeindlichkeit zu tun.
Brigitt Marques  - Stellung beziehen   |186.16.39.xxx |2010-06-20 22:59:57
Gratulation zum Arbeitspapier. Auch die linke/grüne Politik muss sich unbedingt
konstruktiv in diese Diskussion einbringen, solche Themen dürfen nicht dem
traditionell populistisch-ausländerfeindlichen politischen Lager überlassen
werden. Es geht hier um einen wachsenden Bevölkerungsstress der noch durch eine
normierungstolerante Gesellschaft und einen hohen Lebensstandard gepuffert
werden kann. Nicht auszudenken, was abgeht, wenn die Zeiten härter werden..
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